Lernen im Quartier – Community Learning in Schottland

baumDie schottische Regierung möchte allen Einwohner/innen das Lernen schmackhaft und möglich machen. Durch sein Community Learning and Development (CLD) Programm fördert es nichtformales und informelles Lernen in „Gemeinschaften“.

Wie funktioniert dieses CLD-Programm und was können wir für den Schweizer Kontext daraus lernen? Diesen Fragen widmet sich der folgende Text.

 

CLD kurz erklärt

Regulatorisch funktioniert die Förderung ähnlich wie in der Schweiz mit den Kantonalen Integrationsprogrammen (KIP). Education Scotland, die Regierungsstelle die für CLD zuständig ist, definiert klare Werte und Ziele. Die 32 lokalen Behörden sind verpflichtet, ein CLD-Programm mit konkreten Massnahmen zu erarbeiten. Die Regierungsstelle ist für das landesweite Monitoring und Qualitätssicherung verantwortlich und macht Informationen zu den Anbietern und den Finanzhilfen öffentlich.

Die Bildungsangebote sind niederschwellige und nonformale Kurse oder auch informelle Formen, die mehrheitlich kostenlos allen Personen offen stehen. Sie werden in Learning Centres (Lernzentren) angeboten. Die Kursinhalte variieren von Anbieter zu Anbieter, der Fokus liegt jedoch auf der Vermittlung von Grundkompetenzen.

Die Angebote sind in fünf Bereichen angesiedelt:

  • Erwachsenenbildung (adult learning)
  • Lesen und Schreiben für Erwachsene (adult literacies)
  • Jugendarbeit (youth work)
  • Englisch als Zweitsprache (ESOL)
  • „Kompetenzförderung“, Fördern der Gemeinschaft und Selbstständigkeit/ -bestimmung der Gruppen (capacity building)
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Kursleitende sollten stets nach diesem Modell vorgehen, um Teilnehmende beim Lernen zu untersützen.

Die Finanzierung des CLD-Bildungsangebotes wird durch die Regierung, die lokalen Behörden, private Stiftungen, Colleges und viel Freiwilligenarbeit sichergestellt.

 

Aufgrund der Austeritätspolitik der Regierung werden jedoch die finanziellen Mittel auch für das CLD eingeschränkt.

Die Akteure im Bereich des CLD sind neben der koordinativen Regierungsstelle und den lokalen Behörden auch öffentliche und private Kursanbieter (die Mehrheit aus dem „Dritten Sektor“) und community-Organisationen. Communities werden geografisch verstanden und haben mindestens 5’000 Mitglieder.

Die Regierung stellt das Angebot einer Kursleiterausbildung sicher, eine solche ist jedoch keine Voraussetzung zum Unterrichten im CLD. Ca. 40’000 Freiwillige und ca. 2’000 festangestellte Kursleitende arbeiten im CLD.

Als Ziele des CLD definiert die Regierung u.a. folgende:

  • Verbessern der Beschäftigungsfähigkeit
  • Motivieren von Lernungewohnten für Bildung
  • Sicherstellen der Mitbestimmung der Bevölkerung
  • Bekämpfen der Armut

 

 

Good Practice für den Schweizer Kontext

Schweizer Vertreter/innen von Weiterbildungsanbietern, eines OdAs und des SVEB (s. unten) haben Education Scotland besucht und ihr Engagement für CLD und ihre Rahmenbedingungen mit dem Schweizer Kontext verglichen.

Folgende Punkte sind den Schweizer Vertreter/innen besonders aufgefallen:

 

Politik und Behörden

Politischer Wille: Eindrücklich im schottischen Beispiel ist der starke politische Wille, mit dem die Regierung der Bevölkerung einen guten Zugang zur Bildung, insbesondere im Bereich der Grundkompetenzen, ermöglichen möchte. Es bestehen nicht nur verschiedene Gesetze und Regulationen, die effektiv umgesetzt werden. Die Regierung definiert auch ein Leitgerüst an Werten und ethischen Grundsätzen, welche das CLD steuern sollen. CLD-Angebote sollen sich demnach immer an diesen Werten, an den ethischen Grundsätzen und an den Bedürfnissen und Kompetenzen der Lernenden orientieren.

Die Schweiz würde von solchen klaren Leitlinien und Werten profitieren. Eine Regierung, die vom Nutzen der Förderung der Schwächsten überzeugt ist und dies auch so kommuniziert, kann viel bewegen.

Bedarfserhebung und Monitoring: Die Schottische Regierung führt eine Statistik über die aktiven Organisationen im Bereich CLD, die Anzahl Teilnehmenden und die Bereiche der Angebote. Zudem holt sie systematisch die Bedürfnisse der communities ab. So gibt es in Glasgow beispielsweise eine Karte der Hotspots des grössten Förderbedarfs im Bereich Lesen und Schreiben. Dies ermöglicht Transparenz im Bereich und schafft eine Grundlage für die Entscheidung über die künftige finanzielle Unterstützung durch die Regierung.

Die Schweiz würde gerade im Bereich der Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener von einer Übersicht über die bestehenden Angebote profitieren. Um die Förderung der Grundkompetenzen im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes (WeBiG) zu unterstützen, bräuchte es Kenntnis über den Status quo, die Bedürfnisse der Zielgruppen und den daraus resultierenden Entwicklungsbedarf.

Vorwiegend kostenloses Kursangebot: Durch die Finanzierung der Regierung, die lokalen Behörden und Stiftungen kann die Mehrzahl der Kurse in Lernzentren kostenlos angeboten werden. Dadurch erhofft sich die Regierung zusätzliche Schwellen abzubauen, die insbesondere bildungsferne Personen an der Teilnahme hindern.

In der Schweiz scheint das Credo zu gelten „was nichts kostet, ist nichts wert“. Die Kurskosten hindern somit die Kursteilnahme zusätzlich. Dabei sollte in der Schweiz die Weiterbildungsteilnahme besonders von armutsbetroffenen, geringqualifizierten oder bildungsfernen Personen unterstützt werden, um ihre Teilnahme am lebenslangen Lernens zu ermöglichen.

Nationale Sensibilisierungskampagne: Besonders durch TV-Spots im ganzen Land wurde die Bevölkerung auf Bildungsangebote im Bereich der Grundkompetenzen aufmerksam gemacht und somit ein Bewusstsein für die Herausforderungen fehlender Grundkompetenzen geschaffen. Koordiniert und finanziert wurde die Kampagne durch die schottische Regierung.

Nebst den TV-Spots wurde auch eine Fülle an Flyern, Broschüre und Plakaten produziert und verteilt. Die Wirkung dieser Materialien ist gemäss den CLD-Experten jedoch sehr gering.

Die Schweiz hat noch Potential, das Thema der geringen Grundkompetenzen in die Öffentlichkeit zu tragen. Durch das WeBiG wurde eine gesetzliche Grundlage dafür geschaffen.

 

Anbieter von CLD-Kursen

Netzwerke und Zusammenarbeit: Die Vernetzung der CLD-Anbieter ist eindrücklich. Sie tauschen nicht nur Kursunterlagen und Erfahrungen aus, auch interessierte Kursteilnehmende werden zwischen den Anbietern vermittelt. Im Glasgow Council for the Voluntary Secotr (GCVS) sind beispielsweise 120 CLD-Organisationen aus Glasgow vertreten, die regelmässig Weiterbildungen für Kursleitende organisieren und ihre Arbeit koordinieren.

Beeindruckend ist auch der fehlende Konkurrenzgedanke. Die angetroffenen Anbieter geben an, gemeinsam auf das Ziel hinzuarbeiten, allen Personen die Teilnahme an Bildung zu ermöglichen.

Die Schweizer Anbieterlandschaft ist geprägt von einer hohen Fragmentierung und einer gewissen Konkurrenz, wie sie in einem privaten Markt üblich ist. Eine stärkere Vernetzung der Anbieter könnte jedoch dazu beitragen, potentielle Kursteilnehmende besser zu erreichen, Erfahrungen auszutauschen und so das eigene Kursangebot zu optimieren.

Quantität statt Qualität: 195’000 Stunden arbeiten freiwillige CLD-Kursleitende in Schottland (im Vergleich zu 7’000 Stunden bezahlter Professionals). Ziel der Regierung ist es, möglichst viele Personen zum Lernen zu animieren, dafür braucht es ausreichend Kursleitende. Die fachlichen oder methodisch-didaktischen Kompetenzen der Kursleitenden sind dabei sekundär.

In der Schweiz wird grossen Wert auf die Ausbildung von Kursleitenden gelegt, ein SVEB-Zertifikat ist oft eine Voraussetzung für eine Anstellung. Diese Anforderung verhindert aber auch, dass mehr Personen als Kursleitende arbeiten.

Bildungsangebote für eine breite Zielgruppe: Zahlreiche CLD-Kursangebote richten sich an eine breite Zielgruppe, um möglichst viele Personen zu erreichen. Ein Kurs richtete sich beispielweise an junge Mütter.

In der Schweiz gibt es zum Vergleich einen Kurse der sich an folgende Zielgruppe richtet: sozial benachteiligte Mütter, die zwischen der fünfzehnten und dreissigsten Woche schwanger sind, zwischen 15 und 18 Jahren alt sind, Sozialhilfe beziehen und bei einer Krankenkasse versichert sind. Ihren Ursprung haben solche Zielgruppendefinitionen teilweise in den rigiden Finanzierungsstrukturen. Würde man ein solches Kursangebot öffnen, hätten mehr junge Mütter die Möglichkeit, sich weiterzubilden.

Multidisziplinäre Kurse: Wie auch die Zielgruppenansprache werden auch die Kursinhalte breit gehalten. Beispielsweise werden Lese- und Schreibkurse mit anderen Fächern verbunden, wie Computer-, Koch- oder Schönheitskursen.

In der Schweiz scheint diese Öffnung immer mehr stattzufinden. Noch mehr könnten sich jedoch z.B. Lese- und Schreibkurse auch Themen widmen, die dem Alltag der Kursteilnehmenden entspringen.

 

Mobilitätprojekts „Know-how-Transfer Grundkompetenzen“

Dieser Austausch fand im Rahmen des Mobilitätprojekts „Know-how-Transfer Grundkompetenzen“ statt, das von der Schweizerischen Stiftung für die Förderung von Austausch und Mobilität movetia finanziert wird. Es hat zum Ziel, die Expertise in den Bereichen arbeitsplatzorientierte Förderung der Grundkompetenzen und Community Learning and Development in die Schweiz zu bringen. Dazu konnten fünf Personen Vox Norwegen in Oslo und fünf weitere Personen Education Scotland in Glasgow besuchen. Es nahmen Schweizer Expert/innen aus allen Sprachregionen und unterschiedlichen Ebenen (Kanton, OdA, (Weiter-)Bildungsanbieter) teil, damit das Wissen in verschiedene Kontexte transferiert werden kann.

Die obengenannten Beobachtungen stammen von den folgenden Teilnehmer/innen der Studienreise nach Glasgow, die vom 19. bis 22. September 2016 stattfand:

  • img_6479Agnès Jobin, Association Lire et Ecrire, Fribourg
  • Elisabeth Zellweger, Lesen und Schreiben Bern
  • Michael Berger, Swiss Textiles
  • Simone Rizzi, Federazione svizzera per la formazione continua FSEA
  • Martina Fleischli, Schweizerischer Verband für Weiterbildung SVEB

 

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