„Das Hauptgewicht des staatlichen Engagements liegt in der Unterstützung von Weiterbildungsorganisationen, auf Betriebe zuzugehen“

Was wir von der norwegischen Förderung der Grundkompetenzen am Arbeitsplatz lernen können

baker25 Millionen Franken und 682 Betriebe pro Jahr und über 53’000 Kursteilnehmer/innen seit 2006, das ist die Bilanz in der betrieblichen Förderung der Grundkompetenzen durch die Norwegische Agentur für Lebenslanges Lernen Vox.

Fünf Schweizer Akteure aus dem Bereich Grundkompetenzen besuchten Vox und einen geförderten Weiterbildungsanbieter in Oslo. Was konnten sie dort beobachten, was auch für den Schweizer Kontext als Beispiel dient? Von Martina Fleischli

 

Ein flexibler Staat befähigt die Weiterbildungsanbieter

  • Die betriebliche Grundkompetenzenförderung benötigt vom Staat viel Flexibilität, um auf die sehr unterschiedlichen betrieblichen Kontexte eingehen zu können. So lässt Vox in Norwegen den Weiterbildungsanbietern viel Freiraum: Sie fördern Bildungsmassnahmen in verschiedene Settings (direkt im Betrieb oder bei externen Anbietern), sie lassen auch Schulungen zu innerbetrieblichen Abläufen zu oder sie zeigen Flexibilität in der Frage der Mindestteilnehmendenzahl oder der Anzahl Kursstunden.
  • In Norwegen liegt das Hauptgewicht des staatlichen Engagements in der Unterstützung von Weiterbildungsorganisationen, auf Betriebe zuzugehen – nicht in der direkten staatlichen Sensibilisierung von Betrieben. Die Weiterbildungsanbieter können den Betrieben durch die staatliche Unterstützung massgeschneiderte und kostenlose Kurse Anbieten, die für die Unternehmen von grossem Nutzen sind.

Nationale Agentur koordiniert betriebliche Grundkompetenzförderung

  • Vox ist eine nationale Fachstelle, die die Information über die Angebote und Transparenz zu den Förderstrukturen sicherstellt. Mit seinem Know-how und einem nationalen Überblick, finanziert und koordiniert Vox jährlich knapp 700 Bildungsprojekte und stellt so eine faire und flächendeckende Förderung sicher.
  • Vox ist vernetz und arbeitet eng mit den Weiterbildungsorganisationen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden zusammen. Zum einen werden so die Bedürfnisse der wichtigsten Akteure abgeholt und umgesetzt. Zum anderen erreicht Vox die Zielgruppen der Bildungsmassnahmen besser.
  • Die Zusammenarbeit zwischen Vox und den über 100 Weiterbildungsanbietern basiert auf Vertrauen. Für das Monitoring der Bildungsmassnahmen sind wenige Instrumente vorgesehen. Dieses vertrauensvolle Verhältnis, das sicher auch kulturell bedingt ist, motiviert die Anbieter in ihrem Engagement für ein möglichst erfolgreiches Bildungsangebot.Klemptner
  • Um die Entwicklung von betrieblichen Grundkompetenzkursen zu unterstützen, stellt Vox 16 Kompetenzprofile verschiedener Berufsgruppen zur Verfügung. Ein Kompetenzprofil für Kemptner zeigt zum Beispiel auf, welche Grundkompetenzen ein Klempner am Arbeitsplatz benötigt. Nebst den Berufsspezifischen Kompetenzprofilen formuliert Vox nationale Ziele für Grundkompetenzen, um ein gemeinsames Verständnis der verschiedenen Kompetenzbereiche zu gewährleisten.

Weiterbildungsanbieter treiben das Programm voran

  • Die Anbieter der betrieblichen Grundkompetenzkurse tragen die Umsetzung des Programms praktisch alleine. Sie motivieren Betriebe, ihre Mitarbeiter/innen zu fördern, beantragen die Mittel dafür bei Vox und engagieren sich für eine Weiterführung der Kurse in den Betrieben.

Gesamtheitliche Finanzierung

  • Die hundertprozentige Unterstützung der Grundkompetenzkurse ist zweifellos ein finanzieller Anreiz für die Betriebe. Dank dieser Finanzierung nehmen die Betriebe erst an den Weiterbildungsprogrammen teil.
  • Anders als in Norwegen wird in der Schweiz anerkannt, dass Betriebe einen finanziellen Beitrag zu arbeitsplatzorientierten Kursen für ihre Mitarbeitenden leisten

Anbieter betreiben ein erwachsenengerechtes Marketing

  • Was die Bewerbung der Grundkompetenzkurse betrifft, stehen die Marketing-Kompetenzen der Weiterbildungsanbieter im Zentrum. Vox befähigt die Weiterbildungsanbieter, so auf die Unternehmen zugehen, dass sie den konkreten Nutzern der Grundkompetenzförderung am Arbeitsplatz aufzeigen können.
  • Erwachsene besuchen Grundkompetenzkurse nur, wenn die Kursbezeichnung eine positive Botschaft vermittelt. Ansprechende Kurstitel sind wichtig. Beispiele sind: „besser rechnen lernen“ oder „Kenntnisse im Lesen und Schreiben auffrischen“, evtl. auch „endlich schreiben gelernt!“.

Betriebliche Förderung im Sinne der Prävention und der Integration

  • Das norwegische Beispiel zeigt, dass es sinnvoll ist, Erwachsene am Arbeitsplatz zu fördern, bevor sie ihre Stelle verlieren. Nicht nur das Risiko der Arbeitnehmenden, entlassen zu werden, sondern auch die sozialen Kosten können so reduziert werden.
  • In den Betrieben findet eine integrative Förderung der Grundkompetenzen statt. Die Teilnehmer/innen an Bildungsmassnahmen werden nicht nach Mutter- und Fremdsprachlern unterschieden. So wird durch CompetencePlus effektiv etwas für die Integration gemacht, nicht nur davon gesprochen.

Über die Programm CompetencePlus zur arbeitsplatzorientierten Grundkompetenzförderung des Vox berichteten wir hier vor Kurzen.

Mobilitätprojekts „Know-how-Transfer Grundkompetenzen“

Dieser Austausch fand im Rahmen des Mobilitätprojekts „Know-how-Transfer Grundkompetenzen“ statt, das von der ch Stiftung finanziert wird. Es hat zum Ziel, die Expertise in den Bereichen arbeitsplatzorientierte Förderung der Grundkompetenzen und Community Learning and Development in die Schweiz zu bringen. Dazu konnten fünf Personen Vox in Oslo und fünf weitere Personen Education Scotland in Glasgow besuchen. Der Besuch in Schottland findet im September 2016 statt. Es nahmen Schweizer Expert/innen aus allen Sprachregionen und unterschiedlichen Ebenen (Kanton, Universität, Weiterbildungsanbieter) teil, damit das Wissen in verschiedene Kontexte transferiert werden kann.

Die obengenannten „Lessons learndes“ stammen von den Teilnehmer/innen der Studienreise nach Oslo, die vom 9. bis 12. Mai 2016 stattfand. Teilgenommen haben:

Die Teilnehmer/innen Cäcilia Märki, André Kaiser-Huber und Chrisopher Parson
Die Teilnehmer/innen Cäcilia Märki, André Kaiser-Huber und Chrisopher Parson
  • André Kaiser Huber, Erziehungsdirektion des Kantons Bern
  • Annika Ribordy, FSEA
  • Cäcilia Märki, SVEB
  • Chris Parson, Université de Genève
  • Silvia Spalletta Croci-Maspoli, Fondazione Terzo Millennio (AITI)

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