«Workplace Literacies» – Erfolgsfaktoren und Herausforderungen

 

Tagung_BasicskillsIm Rahmen der internationalen Tagung «Workplace Literacies», die am 23.Juni 216 in Bern stattfand, gingen 60 TeilnehmerInnen der Frage nach, welche Förderstrukturen in Norwegen, Frankreich und Deutschland bereits bestehen, um die Förderung der Grundkompetenzen in die Betriebe zu bringen. In einem Fragenkarussell diskutierten sie die mögliche Umsetzung in der Schweiz.
Von Cäcilia Märki

DSC_0276In Norwegen fliessen 2016 über das Programm „CompetencePlus+“ der nationalen Agentur VOX 25 Millionen Franken öffentliche Gelder in die arbeitsplatzorientierte Förderung der Grundkompetenzen. Margarethe Svensrud von VOX erklärt, dass ein Weiterbildungsanbieter und ein Betrieb ein gemeinsames Projekt bei VOX eingeben können. Zielgruppe sind Beschäftigte mit tiefen Grundkompetenzen. Die Förderung im Betrieb erfolgt arbeitsplatz- und situationsorientiert. Der Fokus liegt dabei auf Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik. Seit 2016 gehört auch Norwegisch als Fremdsprache zum Förderauftrag des Programms, welches seit 2006 existiert. Seither konnten sowohl die finanziellen Mittel als auch die Zahl der TeilnehmerInnen jedes Jahr gesteigert werden. Insgesamt wurden seit dem Start mehr als 53’000 Beschäftigte erreicht. Die Betriebe müssen für die Weiterbildung im Bereich Grundkompetenzen keinen eigenen finanziellen Beitrag leisten. Ihr Beitrag liegt im Bereich der Arbeitszeit der Mitarbeitenden, die an der Weiterbildung teilnehmen und der Zeit, welche die Vorgesetzten in den Lernprozess der Mitarbeitenden investieren. Beim Zugang zu den Betrieben spielen die Sozialpartner eine wichtige Rolle. Arbeitnehmervertreter in den Betrieben sind wichtige Türöffner und Kooperationspartner.

 

Branchenfonds in Frankreich
In Frankreich kommen die finanziellen Mittel für die arbeitsplatzorientierte Förderung der Grundkompetenzen nicht vom Staat sondern von Branchenfonds, sogenannten «OrganismeDSC_0285 paritaire collecteur agréé» abgekürzt OPCA, die von obligatorischen finanziellen Beiträgen der Arbeitgeber gespeist werden. In den Branchenfonds kann ein bestimmter Betrag für die Weiterbildung von gering qualifizierten Beschäftigten reserviert und in die betriebliche Weiterbildung der Beschäftigten investiert werden. In Frankreich nehmen die Weiterbildungsanbieter eine entscheidende Rolle ein. «Für die Zusammenarbeit mit den Betrieben ist es entscheidend, die Herausforderungen der Branchen im Bereich Grundkompetenzen zu kennen, um im betrieblichen Umfeld professionell agieren zu können», erläutert Sandrine Pariat von A.L.P.E.S..

 

Projektförmige Strukturen in Deutschland
Von 2015 – 2017 werden in Deutschland in zwei Förderschwerpunkten im Bereich der Förderung der Grundkompetenzen 150 Projekte umgesetzt und dafür 45 Millionen Euro investiert. Einer der beiden Förderschwerpunkte widmet sich der «Arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung». 2015 begann die Dekade der Alphabetisierung dotiert mit 180 Millionen Euro. «Es existieren fast ausschliesslich projektförmige Strukturen. Diese können flächendeckende Strukturen und Förderinstrumente, die über einen langen Zeitraum verlässlich angeboten werden, nicht ersetzten, geschweige denn Veränderungen bewirken», erklärt Dieter Zisenis vom DSC_0296Dortmunder Büro für Berufliche Bildungsplanung BBB. Zum Teil seien auf Nachhaltigkeit angelegte Netzwerk- und Unterstützungsstrukturen entstanden. Es fehlen aber starke Agenturen für Erwachsenen- und Weiterbildung, welche geeignet sind, die Zusammenarbeit zwischen Bundes- und Länderebene zu verbessern. Er diagnostiziert für Deutschland: «Wir haben weniger ein Erkenntnisproblem als vielmehr ein Umsetzungsproblem.»

Das Fragenkarussell des Nachmittags bot die Gelegenheit, anhand von vier Fragen Aspekte der Umsetzung in der Schweiz zu diskutieren.
Wenig überraschend werden beim Thema Ziel, Verantwortlichkeiten und Zusammenarbeit der Bund, die Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt, Betriebe und die Arbeitnehmervertreter genannt. Nötig sind finanzielle Anreize durch Bund, Kantone und Branchen- bzw. paritätische Fonds. Sie sollen einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung der arbeitsplatzorientierten Förderung der Grundkompetenzen leisten. Besonders hervorgehoben wird die Rolle der Politik bei der Finanzierung der Angebote, insbesondere die kantonalen Programme, die einen Fördermechanismus ähnlich dem von VOX beinhalten könnten. Anders als in Norwegen wird in der Schweiz anerkannt, dass Betriebe einen finanziellen Beitrag zu arbeitsplatzorientierten Kursen für ihre Mitarbeitenden leisten sollen.

DSC_0311Bei der Frage nach geeigneten Marketingmassnahmen stehen die Kompetenzen der Weiterbildungsanbieter im Zentrum. Sie sind nebst einem professionellen Bildungsangebot im Bereich Grundkompetenzen auch die wichtigsten Akteure bei der Akquise von Betrieben. Zuspruch fand zudem der Vorschlag, der die Bedeutung der Aus- und Weiterbildung der HR-Fachleute, Berufsbildner und der Bildungsverantwortlichen in den Betrieben für die Verankerung des Angebots betonte. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie die breite Öffentlichkeit werden als Adressaten von Kampagnen und Marketingmassnahmen genannt, sowie erfolgreiche Beispiele aus den Betrieben, die am besten von Unternehmer zu Unternehmer verbreitet werden.
(Potentielle) Akteure im Bereich der arbeitsplatzorientierten Förderung der Grundkompetenzen betrachten eine Austauschplattform, die Good Practices bekannt macht, als wichtige Unterstützung sowie Information und Transparenz durch eine nationale Fachstelle, die über Finanzierungsmöglichkeiten informiert sowie Betriebe und Anbieter unterstützt und aktiv den Aufbau und die Betreuung von Netzwerken übernimmt.

>> zu den Tagungsunterlagen

 

 

 

 

 

 

 

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