«Einmal selbst sehen ist mehr wert, als hundert Neuigkeiten hören.»

formation_622x175(japanisches Sprichwort)

 

 

ShareIT: Zürich/Schweiz – 04. – 08. Mai 2015

Seit mittlerweile mehr als vier Jahren arbeite ich als Lernbegleiterin für Menschen im Bereich Basisbildung und Alphabetisierung; wenn ich mich mit anderen Personen über meinen Beruf länger unterhalte, kommt unweigerlich irgendwann die folgende Frage: „Aber… was sind denn das für Menschen, die sowas wie Lesen und Schreiben nicht so gut können?!“ Die Antwort, um deren Formulierung ich immer ein wenig ringe, ist meist etwas enttäuschend, zumindest für jene, die sensationslüstern auf eine etwas spektakulärere Information gehofft hätten: „Hm, die sind eigentlich… ja, ganz normal!“ von Christa Sieder

Ja, so ist das: Menschen wie du und ich haben manchmal nicht ausreichende Basisbildungskenntnisse. Und weil sie Reaktionen wie obige (oder auch weiteres ungläubiges Nachfragen, Beschämung oder gar Auslachen) befürchten, halten viele ihre Lese-, Schreib-, Computer- oder Rechenschwierigkeiten geheim. Umso höher ist es jenen Menschen anzurechnen, die ich in der Schweiz kennenlernen durfte, dass sie ihre Kursräume für uns öffneten und uns Kontakt mit ihnen ermöglichten.

Denn das ist es, was ich von diesen fünf Tagen Austausch in der Schweiz vor allem mitgenommen habe: Begegnungen mit Menschen, seien es Lernende oder Lehrende, die uns ganz selbstverständlich in ihren Unterricht hineinschauen ließen, sich mit uns und unseren Fragen kritisch auseinandersetzten und – ganz im Sinne des Programmnamens, dem die Geisteshaltung voll und ganz entsprach – ihr Wissen, ihre Kenntnisse und ihre Erfahrungen ausgiebig und gerne teilten.

Drei Kursinstitute konnten wir im Laufe der Woche besuchen. Bei jeder dieser drei Begegnungen war es uns gestattet, in Kurse hineinzugehen, an ihnen aktiv teilzunehmen und mit den Lehrenden gleich im Anschluss zu sprechen. Die Niveaustufen und auch Bereiche waren dabei völlig unterschiedlich: Mathematik für Fortgeschrittene, Alphabetisierung für MigrantInnen, Französisch B2, Deutsch A2…

Jede der Institutionen zeichnete sich (neben herzlicher Gastfreundschaft und äußerst lohnenden Begegnungen) für mich durch einen besonderen Aspekt aus, den ich im Folgenden näher darstellen möchte:

 

Migros Klubschule
Wer durch Zürich spaziert (und hiermit sei auch das verraten: wir durften an einem Nachmittag die Basisbildung außen vor lassen und uns stattdessen der Stadt Zürich widmen, indem wir einen Fuchs durch die Innenstadt jagten – Nachfragen gern bei der Verfasserin), dem wird unweigerlich früher oder später eine Filiale der Supermarktkette Migros begegnen. Diese wird als Genossenschaft geführt und gründete 1944 die sogenannten Klubschulen, die mit den österreichischen Volkshochschulen vergleichbar sind. 1957 schließlich wurde das Migros Kulturprozent ins Leben gerufen: 1% des Umsatzes (!) investiert die Migros in Kultur und Weiterbildung. Diese ermöglicht es den Migros Klubschulen, ihre Kurse zu einem für die Schweiz recht günstigen Tarif anzubieten. Ich muss gestehen, dass ich von dieser Art der Finanzierung überaus beeindruckt bin – und ich habe mir mehr als einmal ausgemalt, wie gut es um die österreichische (Erwachsenen-)Bildungslandschaft bestellt wäre, wenn auch bei uns so manch große Supermarktkette ein ähnliches gesellschaftliches Engagement an den Tag legte…

Mitmachen oder zuschauen
In den beiden Kursen, die wir nach einer Vorstellung der Institution besuchen durften, wurde unser „Eindringen“ unterschiedlich gehandhabt: Einmal wurden wir in das Kursgeschehen eingebunden, vorgestellt und beteiligten uns am Unterricht; ein anderes Mal waren wir stille „Mäuschen“ am Tisch ganz vorne. Ich für meinen Teil habe in beiden Fällen vom Gesehenen profitiert, denn alleine schon das Hineinkommen in einen Unterrichtsraum voller Material ist für mich spannend und lehrreich. Vor allem bin ich jedoch in der Frage unschlüssig, welche Art des Besuches für die Lernenden weniger störend ist, denn das Hereinkommen fremder Personen, die dann zuhören wie jemand z.B. etwas liest, der darin ungeübt ist, setzt sicherlich unter Druck und verursacht Stress. Dieser Aspekt ist für Lehrende, die ihre Kursräume öffnen, sicherlich ein Grund, Besuche abzulehnen; umso dankbarer waren wir für jene, die eine Unterrichtsbeobachtung erlaubten und sich sogar im Anschluss Zeit nahmen, um ihre Vorgehensweise zu erläutern und Materialtipps zu teilen.


formation_rechnenCORREF: Centre d’orientation, de réinsertion et de formation / Lausanne

Vier Jahre Französisch in der Schule reichten mir einerseits völlig; andererseits stellte sich der Output dieser langen Jahre bei unserem Besuch in Lausanne, Teil der französischsprachigen Schweiz, als absolut unzureichend heraus.

Umso interessanter war es für mich, in einem Kurs zu sitzen, der sich mit Mathematik auf Französisch beschäftigt; dazusitzen und absolut nichts zu verstehen, während rundherum alle geschäftig und verständig nicken, sprechen und arbeiten, ist eine Erfahrung, wie sie unsere Kursteilnehmenden wohl auch öfter machen und die zur eigenen Demut viel beitragen kann.

Auch hier die Möglichkeit, Unterrichtssituationen beizuwohnen und die Lehrenden anschließend zu „interviewen“; besonders interessant war am CORREF auch die Verschränkung des Lernens mit der Bildungsberatung, die von dafür ausgebildeten Psychologinnen direkt vor Ort begleitend stattfindet. Die Institution richtet sich unter anderem an Menschen mit Migrationshintergrund, die neu in der Schweiz sind, daher gibt es ein breites Angebot an Kursen, die Wichtiges für die Integration, das Leben in der Eidgenossenschaft oder auch Aspekte der Landeskunde vermitteln. Zwei Angebote befassen sich ausschließlich mit dem persönlichen Budget sowie schriftlicher und mündlicher Korrespondenz mit Behörden.


EB Zürich
Der Traum einer Erwachsenenbildnerin wurde in der EB Zürich wahr: Wir besuchten das sogenannte Lernfoyer, einen großen, bestens ausgestatteten Raum, der von den Lernenden zum selbstständigen Lernen genützt werden kann. Vor Ort befinden sich so nützliche Dinge wie ein Kopierer, Computer, eine Präsenzbibliothek oder ein Automat mit Ohrenstöpseln. Es ist montags bis freitags von 10 bis 21 Uhr abends und auch Samstag bis 15 Uhr geöffnet; LernbegleiterInnen sind vor Ort, um bei Bedarf zu unterstützen. Weitere Initiativen innerhalb des Lernfoyers sind etwa ein Sprachencafé, Coaching oder Ateliers zu Themen wie „Rechnen im Wald und in Sihlcity“ (ein Einkaufszentrum) oder „Computer, Tablet, Smartphone in der Praxis“. Einen Film über das überaus nachahmenswerte Lernfoyer und weitere Informationen gibt es unter www.eb-zuerich.ch/lernfoyer. Denn dies ist auch eine Erfahrung, die ich in der Schweiz machen durfte: Selbst wenn die eigene Institution die Mittel für dieses oder ähnliche Angebote nicht hat, so ist es dennoch eine Inspiration und bedeutet, zu wissen, was denn alles möglich wäre – um in weiterer Folge genau darauf hinzuarbeiten.

Neuen Ideen, Materialien und Kontakten nach Hause nehmen
Nicht unerwähnt lassen möchte ich abschließend, dass mir die Entscheidung für eines der Gastländer anfangs sehr schwer fiel; denn wie Basisbildung in Deutschland, Polen und Schottland abläuft, wäre doch auch wahnsinnig interessant! Unsere umsichtige und ganz hervorragende Schweizer Gastgeberin, Martina Fleischli vom SVEB/FSEA (Schweizerischer Verband für Weiterbildung / Fédération suisse pour la formation continue) ermöglichte jedoch gezielt gleich zu Beginn die Vorstellung der einzelnen Gruppenmitglieder und ihrer Berufsbereiche; viele hatten auch Material mitgebracht, das sie großzügig verteilten. Somit waren meine Eindrücke um nochmals vieles reicher: Nicht „nur“ konnte ich erfahren, wie in der Schweiz gearbeitet wird; Glasgow, Hamburg und Lodz wurden mir auch gleich mitgeliefert.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass ich von meinem Aufenthalt in der Schweiz mit neuen Ideen, Materialien und nicht zuletzt Kontakten nach Hause gekommen bin; dankbar für die Begegnungen im Geiste von ShareIT, die meine Erwartungen um vieles übertroffen haben.

 

Christa Sieder, geboren in Amstetten/NÖ, studierte Anglistik und Germanistik in Wien. Lehrgang „Alphabetisierung und Basisbildung“; seit April 2011 Lernbegleiterin der BHW Basisbildung NÖ für Menschen mit deutscher Erst- und Zweitsprache sowie Bildungs- und Berufsberaterin (i.A.).

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