Was bedeutet «fide» für die Unterrichtspraxis der Sprachkursleitenden?

integrationskurs-wp37Schulungewohnte Lernende machen in Sprachförderungsangeboten, die vom Bund mitfinanziert sind, einen beträchtlichen Anteil der Teilnehmenden aus. Das Staatssekretariat für Migration SEM (bis Ende 2014 «Bundesamt für Migration» genannt) investierte allein im Jahr 2013 eine Million Franken in fide[1]: Französisch, Italienisch, Deutsch in der Schweiz – lernen, lehren, beurteilen. Was bedeutet fide nun ganz konkret für die Unterrichtspraxis der Sprachkursleitenden?
von Raffaella Pepe

Der Unterricht nach den fide-Prinzipien ist ein handlungsorientierter Unterricht und eignet sich gut für schulungewohnte Lernende: Er ermöglicht «ein aktives Lernen mit greifbaren Resultaten, was die Zielgruppe der schulungewohnten Lernenden besonders anspricht».[2] Die Besonderheiten von fide liegen gemäss fide-Website «in der der ausgeprägten Bedürfnisorientierung sowie in der Nähe zum schweizerischen Alltag, die sich im szenariobasierten Ansatz niederschlägt». Handlungsorientierung, Bedürfnisorientierung, Berücksichtigung des Schweizer Alltags – all dies ist nichts Neues. Doch was ist der «szenariobasierte Unterricht»?


Der szenariobasierte Unterricht
Beim szenariobasierten Unterricht bilden die Situationen und Handlungsabläufe (Szenarien) den Ausgangs- und Bezugspunkt. Zentral ist ein gesellschaftlicher Kontext, ein wichtiger Lebensbereich im Alltag, d.h. ein sogenanntes Handlungsfeld (z.B. «Wohnumgebung») und dessen Szenarien (z.B. «Sich bei den Nachbarn vorstellen» oder «Sich bei Nachbarn beschweren»). Man geht also nicht vom Thema aus, sondern von der Sprachhandlung und deren Abläufe. – An welchen Szenarien wollen meine Lernenden arbeiten? Dies ergibt sich aus der Ko-Konstruktion des Lernweges: Die Teilnehmenden äussern ihre Bedürfnisse und gestalten den Lernprozess mit.

Der szenariobasierte Sprachunterricht nach den fide-Prinzipien orientiert sich folglich immer wieder neu an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der einzelnen Kursgruppen. Deshalb finden sich auf dem fide-Webportal zahlreiche Hilfsmittel für das Planen, Begleiten und Auswerten des Unterrichts sowie exemplarische Materialien und Beispiele für die praktische Umsetzung im Unterricht. Es werden auch Materialvorlagen zur Verfügung gestellt, mit denen Kursleitende auf ihre Kursgruppe angepasstes Unterrichtsmaterial herstellen können.


Meinungen aus der Praxis

Klar ist: Unterrichten nach fide ist eine anspruchsvolle Arbeit. Was sagen erfahrene DaZ-Kursleitende zu fide? Ich habe fünf DaZ-Kursleitende nach ihrer Meinung befragt, um einige Stimmen aus der Praxis zu vernehmen.

Auf die Frage, ob die Personen nach fide unterrichten, habe ich folgende Antworten erhalten: «Ja, ich denke, dass ich seit Jahren Elemente der fide-Prinzipien in den Unterricht integriert habe./… teilweise habe ich schon mehr als zwei Jahre ansatzweise nach den fide-Prinzipien unterrichtet, war mir dessen aber nicht bewusst./Ich unterrichte schon seit längerer Zeit nach fide, jedoch nicht ausschliesslich./Bisher unterrichtete ich mehr oder weniger mit einem Lehrmittel. Ich versuchte bis jetzt aber auch, während den Unterrichtseinheiten Anliegen der TN zum jeweiligen Thema, …, zu thematisieren und gemeinsame Lösungen (z.B. Briefe scheiben) zu finden.»

Diese Antworten führen zur nächsten Frage:
Was ist das Neue bei fide? – Einige Stimmen aus der Praxis
Auf diese Frage wurde von den DaZ-Kursleitenden vieles genannt, was eigentlich gar nicht neu ist, wie zum Beispiel, dass der Unterricht nach fide nicht nur Sprachunterricht, sondern auch Integrationsunterricht ist, oder dass nicht nach grammatikalischen Regeln unterrichtet wird.

Das Neue kommt aber in folgenden Antworten zum Ausdruck:

  • Der Fokus wurde neu stärker als bis jetzt auf die Lernenden gerichtet.
  • …, dass man nicht unbedingt nach vorgegebenen Themen, sondern nach Interesse der TN lehren sollte.
  • Die ausserordentliche Teilnehmerorientierung (Ko-Konstruktion).
  • Neu ist auch die sehr zentrale Bedürfnisabklärung bei den Teilnehmern.
  • Es ist wichtig, was die TeilnehmerInnen brauchen.
  • Suggeriert, dass ein Verzicht auf Lehrmittel möglich ist.
  • Neu für mich ist das sich Loslösen von einem Kursbuch.
  • Das neue aus meiner Sicht ist, dass viele Elemente von sehr gutem Unterricht in ein geordnetes System gebracht wurden, so dass diese den Kursleitenden neu bewusst werden.
  • Ebenso neu ist die marginale Rolle, welche die Grammatik bei fide


Bedürfnisorientierung als kontinuierlicher Prozess

Die ausgeprägte Bedürfnisorientierung wird von allen als wichtige Besonderheit von fide erkannt. Neu ist allerdings nicht die Bedürfnisorientierung an sich, sondern die Bedürfnisorientierung auf der Makro-Ebene. Dies bedeutet: Die Teilnehmenden und ihre Bedürfnisse werden nicht nur auf der Mikro-Ebene berücksichtigt, d.h. auf der Unterrichtsebene, sondern auch auf der Planungsebene: Ziele und Kursinhalte werden gemeinsam besprochen und festgelegt, es finden regelmässige Standortbestimmungen statt, worauf die Ziele und Inhalte wiederum angepasst werden. Bedürfnisorientierung ist also ein kontinuierlicher Prozess.


Lernprozess nahe an den Bedürfnissen der Teilnehmenden gestalten

Wie lässt sich der Unterricht mit einem Lehrwerk mit der Bedürfnisorientierung auf der Makro-Ebene vereinen? Die befragten DaZ-Kursleitenden nannten den «Verzicht auf Lehrmittel» und «das sich Loslösen von einem Kursbuch». Die fide-Website sagt Folgendes dazu:

«Sie können dabei publizierte Deutschlehrmittel einsetzen oder sich auf Materialien und Texte aus dem Alltag und selbst erstellte Lernunterlagen stützen. Hinter dem Entscheid, keine „fide-Lehrmittel“ zu entwickeln, steht unter anderem die Überzeugung, dass der Lernprozess zusammen mit der Lerngruppe und nahe an ihren unmittelbaren kommunikativen Bedürfnissen gestaltet werden sollte – ein Lehrmittel, das Lerninhalte vorgibt und nach einer bestimmten Abfolge aufbaut, kann diesem Anspruch nur bedingt gerecht werden.»[3] Interessant ist hier, dass der Einsatz von Deutschlehrmitteln erwähnt wird, jedoch die Information dazu fehlt, wie dieser Einsatz konkret geschehen soll. Gleichzeitig wird aber vom Einsatz von Deutschlehrmitteln abgeraten.

 

Wo sehen DaZ-Kursleitende die Vorteile von fide?
An dieser Stelle einige interessante Antworten:

  • Die Teilnehmenden (TN) dürfen das Kursthema bestimmen. Das ist für viele – je nach kulturellem Hintergrund eine völlig neue Erfahrung, ein neues, zusätzliches Lernfeld sozusagen. Gleichzeitig werden TN-Fähigkeiten gefördert – wie etwas beurteilen können, Entscheidungen treffen und Reflexionsvermögen ausbauen …
  • Mit den TN gemeinsam (Ko-Konstruktion) Schwerpunkte und Lernziele zu einem Szenario zu definieren und so (mit gemeinsam erarbeiteten Redemitteln /Chunks….) «Stein für Stein» ein «TN-wichtiges Deutschhaus» zu bauen, ist sehr sinnvoll und bringt den TN im Endeffekt sicherlich mehr Sprachkompetenzen (und nicht NUR sprachliche Kompetenzen) bei.
  • Der Nutzen/Sinn und Ziel des Unterrichts wird anhand der fide-Prinzipien klarer und transparenter, also nachvollziehbarer für die TN. Ein sinngebender «roter Faden» (Handlungsablauf/Schritte) zieht sich durch die Szenarien.
  • Die Erfahrung des Unterrichtens nach den fide-Prinzipien zeigt deutlich, dass die Teilkompetenz «Sprechen» bei den Teilnehmern sehr gefördert wird.
  • In der Bewusstmachung von dem, was guter Unterricht bedeutet.
  • fide richtet sich nicht nur an Lehrpersonen, sondern auch an Behörden.

 

Wo sehen DaZ-Kursleitende die Nachteile von fide?
Die Antworten auf diese Frage thematisieren vor allem drei Bereiche:

  • den Vorbereitungsaufwand der Kursleitenden, die Frage nach dem Lehrmittel und die Qualifikation bzw. die Erfahrung der DaZ-Kursleitenden.

Der Vorbereitungsaufwand scheint fast alle Kursleitenden zu beschäftigen:

  • Die KL muss jeweils viel Material zu jedem Handlungsfeld sowie zu den einzelnen Szenarien suchen.
  • Nach fide zu arbeitet bedeutet einen erheblichen Aufwand zu leisten.
  • Die Unterrichtsvorbereitung ist sehr aufwändig.
  • Das fide-Lehrmaterial ist zeitintensiv selbst herzustellen (hoher Aufwand).

 

Unterricht mit oder ohne Lehrmittel?
Diese Frage scheint die DaZ-Kursleitenen zu beschäftigen.

  • Nicht ganz geklärt ist auch die Frage, wie man fide in den Unterricht einbauen soll. Ist es sinnvoll, reine fide-Kurse anzubieten oder sollte besser fide neben einem regulären Kursbuch eingesetzt werden, um die Grammatikprogression nicht ausser Acht zu lassen? Und wenn ja, wie sieht es dann mit dem Erreichen der Kursziele aus? Verdrängt das Arbeiten nach fide und das ziemlich aufwendige Ablagesystem und der Portfolioansatz das Arbeiten mit dem «regulären» Lehrmittel? Wie würde oder könnte eine sinnvolle Kombination von beidem aussehen?
  • Man kann noch auf zu wenig Erfahrungswerte im Unterricht zurückgreifen, was z.T. zu sehr unterschiedlichen «Erkenntnissen» führt (z.B. Einsatz der Lernkarte; mit oder ohne Lehrmittel unterrichten) – dies schafft momentan Verunsicherung bei Kursleitenden.

 

Unterrichten nach den fide-Prinzipien eine anspruchsvolle Arbeit
Dies sehen auch die befragten DaZ-Kursleitenden so:

  • Sicherlich sollte eine KL, die nach fide unterrichten will, schon einige Jahre Unterrichtserfahrung haben.
  • Schwierig finde ich für «etwas ungeübtere» KL auch die Einstufung der TN nach GER.
  • Ein klarer Nachteil ist m. E. die fehlende Grammatikprogression. (…) Welche Grundvoraussetzungen muss ein/e KursleiterIn selber mitbringen, um so zu arbeiten? Um Grammatik nach Bedarf, situativ zu vermitteln, muss seitens der Kursleiter ein fundiertes Grammatikwissen vorhanden sein, welches zu jeder Zeit abrufbar sein sollte.

 

Unterrichten nach fide ist anspruchsvoll und verlangt qualifizierte Sprachkursleitende
Die offenen Fragen, wie z.B. diejenige nach dem Lehrwerk, zeigen, dass tatsächlich noch immer wenige Erfahrungswerte vorliegen, obwohl bereits im Jahr 2013 fide im Rahmen von Einführungsschulungen in sämtlichen Kantonen eingeführt wurde.

Unterrichten nach fide ist anspruchsvoll und verlangt qualifizierte und erfahrene Sprachkursleitende. Gerade das Fördern von Kompetenzen im Bereich Mitbestimmung, Reflexion und Selbstevaluation ist bei der fide-Zielgruppe der Schulungewohnten eine grosse Herausforderung.

Der SVEB hatte 2011/2012 und 2013/2014 die Leitung der fide-Teilprojekte «Qualifizierung der Sprachkursleitenden im Integrationsbereich» inne und hat eine modulare Qualifikation «Sprachkursleitenden im Integrationsbereich» geschaffen.
Literatur- und Quellenverzeichnis:

3 Kommentare zu „Was bedeutet «fide» für die Unterrichtspraxis der Sprachkursleitenden?

  1. Danke für den Beitrag. Ich denke, man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass die Arbeit mit fide und der entsprechenden Zielgruppe zwar interessant und bereichernd, aber auch anspruchsvoll ist und qualifizierte Kursleitende verlangt – schön wäre es, wenn sich diese Ansprüche auch noch etwas deutlicher in der gesellschaftlichen Wertschätzung und den Arbeitsbedingungen niederschlagen würden…

  2. Doris Scherrer

    Grundsätzlich ist dieser handlungsorientierte Unterricht nach fide sehr gut. Wie schon im Beitrag erwähnt ist es sehr anspruchsvoll und aufwändig. Ich würde mich noch nicht getrauen vollständig den Unterricht nach fide zu gestalten. Ansatzweise finde ich es bereichernd. Was mich auch noch davon abhält ist die Forderung von der Schule nicht all zu viel
    Kopien machen.Und dieser Unterricht nach fide braucht enorm viele Blätter….Was für mich interessant wäre….Erfahrungsberichte von Lehrpersonen die so unterrichten….Ich war vor zwei Jahren an einem 2-tägigen Grundkurs . Wir wurden mit dem System vertraut gemacht aber ohne praktische Erfahrungsberichte..

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