Wo kommen denn all diese Illettristen her?

34775-43801-imageRund 750 000 Menschen in der Schweiz gelten als Illettristen. Sie können nicht ausreichend gut lesen und schreiben. Immer wieder begegnet man einem grossen Erstaunen ob dieser Zahlen. Illettristen sind jedoch zu einem sehr grossen Teil ehemalige Legastheniker, die zu wenig oder keine passende Unterstützung erhielten und sich deshalb im Erwachsenenalter auf den Weg machen. Im Folgenden sollen ein paar Überlegungen dazu aufgezeigt werden.
von Monika Brunsting

Zur Lebensbewältigung sind heute bessere Lesen- und Schreibfertigkeiten nötig als noch vor wenigen Jahren. Vom Trambillett über den Fahrplan bis hin zur Kommunikation mit der Schule geht nichts mehr ohne Lesen und Schreiben. Sucht man etwas auf Google, findet man gar nichts, wenn man nicht weiss, wie die Wörter geschrieben sind und bei der grossen Fülle von Wissen sind die Menschen dünn gesät, die uns unsere Fragen beantworten können. Wir brauchen heute also Menschen mit guten Grundkompetenzen. Stattdessen findet sich eine wachsende Zahl von Menschen, die diese nicht mehr haben. Wie kommt das?


Aus Dyslektikern (Legasthenikern) werden Illettristen

Kinder mit Dyslexie können bei ungenügender Unterstützung in der Schule, keine adäquaten Fertigkeiten im Lesen und Rechtschreiben entwickeln und werden deshalb zu Illettristen. Es ist nicht so, dass das Know-how fehlen würde: Es sind die Ressourcen, die fehlen: Seit dem NFA[1] stehen keine Bundesmittel mehr für die Förderung von Legasthenikern zur Verfügung. Die Kantone, die diese Unterstützung nun übernehmen mussten, können diese jedoch nur sehr mangelhaft anbieten. Damit ist wohl realistischerweise mit einer markanten Zunahme an Illettristen in den nächsten Jahren zu rechnen.


Damit aus Dyslektikern (Legasthenikern) keine Illettristen werden, muss man etwas unternehmen.

Will man den Anteil an Illettristen verkleinern, muss man wohl oder übel die Unterstützung der Dyslektiker in der Schule wieder aufbauen. Das ist nicht einfach, weil die früheren Fachkräfte („Legasthenietherapeuten“) und die Heilpädagogen in die integrative Schule „integriert“ wurden: Sie haben andere Aufgaben übernehmen müssen. Geblieben sind die Logopädinnen, die jetzt neben ihren zentralen logopädischen Aufgaben auch die Schriftsprache behandeln müssen. Egal, ob sie es in ihrer Ausbildung gelernt haben oder nicht. Auch sie haben wenig zeitliche Ressourcen. So bleiben eigentlich nur Lerntherapeuten, spezialisierte Psychologen oder Nachhilfelehrer aller Stufen, die das übernehmen könnten – auf Kosten der Betroffenen allerdings.

Was tun?

Abschaffen der Legastheniediagnose
Man kann die Diagnose abschaffen und braucht dann die gezielte Förderung nicht wieder aufzunehmen. In verschiedenen Kantonen ist man vor einigen Jahren dazu übergegangen, die Diagnose Legasthenie nicht mehr zu stellen. Dies schafft leider nur die Diagnose ab, nicht das Problem. In anderen (mutigeren) Kantonen stellt man noch die Diagnose, erklärt sich dann aber ausserstande, Hilfe anzubieten. Die Legasthenietherapie muss dort privat gesucht und finanziert werden.


Abschaffen der Förderung

Die Förderung abschaffen: das ist bereits geschehen. Es gibt zwar vielerorts minimale Förderbemühungen. Aber diese sind in den wenigsten Fällen gezielt und intensiv. Meist erfolgen sie in Kleingruppen, in denen die Einzelnen unterschiedliche Probleme haben.


Nachteilsausgleich als ultima ratio

Ein Nachteilsausgleich für Legastheniker und Illettristen ist dringend nötig. Es darf nicht sein, dass man eine nicht angemessene Schule besuchen muss, nur weil man an einer Legasthenie leidet.

Laut Bundegesetz darf keinem Menschen durch seine Behinderung ein Nachteil erwachsen. Wer behindert ist, hat Anspruch auf einen angemessenen Nachteilsausgleich. Bei Legasthenikern wird dieser in der Primarschule noch sehr selten angewandt. In der Berufsausbildung oder im Gymnasium dagegen hat er sich einigermassen etabliert. In der Primarschule wird diesem Problem anders Rechnung getragen: Häufig wird eine Lernzielanpassung (individuelle Lernziele) festgelegt. Diese besagt, dass das Kind zu der geforderten Leistung nicht fähig sei. Dass es damit den Anschluss an die Klasse verliert, so wie wenn es in der Sonderklasse wäre, wird den Eltern bisweilen (aber nicht immer!) kommuniziert.

Neben dem Nachteilsausgleich, der recht verschieden gestaltet werden kann, benötigt eine Schülerin oder ein Schüler mit Legasthenie aber intensive Förderung.


Lernzielanpassung/ individuelle Lernziele

Eine Lernzielanpassung ist jedoch das falsche Mittel. Es muss das Ziel bleiben, auch Legastheniebetroffene zu den Klassenzielen zu führen. Dies braucht viel intensive und qualifizierte Förderung und manchmal eben einen Nachteilsausgleich.


Die Förderung wieder einführen und nur notfalls den Nachteil ausgleichen.

Man geht heute davon aus, dass für das Entstehen von Dyslexie sowohl medizinische wie pädagogische Ursachen eine Rolle spielen (Lit.). Entsprechend kann die Arbeit je nachdem etwas unterschiedlich aussehen. Immer aber muss gelesen oder/und geschrieben werden, denn lesen lernt man durch lesen und richtig schreiben durch richtig schreiben. Daneben sind aber auch die neuesten Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Lernpsychologie wichtig.

 

Offene Fragen

  • Inklusion und Integration sind sehr schöne Ziele. Wie werden aber von Legasthenie Betroffene integriert?
  • Streicht man die Ressourcen (finanziell und personell) zusammen, kann das Problem nicht gelöst werden.
  • Können wir als Gesellschaft es uns leisten, so viele junge Menschen in den funktionalen Analphabetismus (Illettrismus) zu entlassen?

 

 

Literatur

Klicpera, C. , Schabmann, A. & Gasteiger-Klicpera, B. (2010). München: Reinhardt

Thomé. G. (Hrsg.) (2004). Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) und Legasthenie. Weinheim: Beltz

  1. Suchodoletz, W. (Hrsg.) (2006). Therapie der Lese-Rechtschreibstörung (LRS). Stuttgart: Kohlhammer

 

Der Verband Schweiz (VDS), ein Zusammenschluss von regionalen Vereinen und Arbeitsgruppen, setzt sich für die Unterstützung und Förderung dyslexiebetroffener, wie auch dyskalkuliebetroffener Menschen ein. Der Verband Dyslexie Schweiz veranstaltet alljährlich eine Tagung mit Referenten aus dem In- und Ausland. Die Tagung 2015 findet am 20.6.2015 an der Universität Zürich (Irchel) statt. Auf der Website www.verband-dyslexie.ch findet man mehr Informationen.

 

Zur Autorin: Dr. Monika Brunsting, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Sonderpädaogin. Leiterin des Nordostschweizer Instituts für Lernfragen (NIL) in Oberuzwil und Zumikon. Vorstandmitglied Verband Dyslexie Schweiz.

[1] Im Zuge der Neugestaltung des Finanzausgleichs (NFA) zog sich die Eidgenössische Invalidenversicherung (IV) per 1. Januar 2008 aus der Sonderschulfinanzierung zurück.

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