Doppelte Distanz: Bildungsferne Menschen – ferne Bildung (? oder !)

mit-weitblick-im-regen-6c51c5b8-f7c6-450e-93dd-74b3c132fcaaDas Rote Kreuz Graubünden hat mit dem Pilotprojekt L+S Grischun eine Angebotslücke geschlossen. Mit den aufgebauten Semesterkursen werden aber nur bestimmte Kreise der Betroffenen erreicht und für viele bildungsbenachteiligte, bildungsferne Menschen „bleibt die Bildung fern“ bzw. besteht eine „ferne Bildung“. Ist Aufsuchende-Bildungsarbeit eine mögliche Antwort?
von Urs Chiara

Bevor ich mich im Titel „Doppelte Distanz: Bildungsferne Menschen – ferne Bildung“ für ein „?“ oder „!“ entscheide, kurz zum Ergebnis des Pilotprojekts L+S Grischun.


Pilotprojekt L+S Grischun 2010 -2013
Bei der Vorabklärung 2008 kannten die Kantone AI/AR, GL und GR noch keine L+S-Angebote. Das Rote Kreuz Graubünden hat nun die Lücke in Graubünden geschlossen. Im August 2010 konnte in Chur mit zwei Kursen und im Januar 2012 in Samedan gestartet werden. Leider gelang der Start in Klosters-Davos als drittgrösster Bevölkerungsregion bis zum Pilotende nicht – die Anmeldungen genügten knapp nicht zum Kursstart. Es sind noch nicht alle Kantonsregionen abgedeckt, doch 90 % leben in einem 60-Minuten-öV-Radius dieser Kursorte.

In den vier Pilotjahren meldeten sich 162 Personen. Davon waren 128 konkrete Kursanfragen und daraus resultierten 47 KursteilnehmerInnen. Diese Datenbasis ist noch sehr klein und Schlüsse sind entsprechend vorsichtig weiterzuverwenden. Die Erstkontakte waren zu knapp zwei Dritteln von Frauen und gut einem Drittel von Männern. Zur Kursanmeldung konnten sich dann nur noch 23 % Männer durchringen. Noch auffallender ist das Geschlechterverhältnis Männer:Frauen nach Alter: Bei den unter 30-Jährigen noch 1:2, meldeten sich mit zunehmendem Alter immer weniger Männer. So sind es bei den über 60-Jährigen 1:7.

Kursresultat der Semester-Kursteilnehmenden

  • 83 % haben die Lernziele erreicht und damit den Kurs erfolgreich beendet
  • 13 % haben nach eigener Einschätzung die Lernziele erreicht / nach Einschätzung der Kursleiterin jedoch nur knapp oder noch nicht ganz
  • Der einzige Kursabbruch geschah, als ein Teilnehmer nach Unfall / Reha und einem Rucksack mit Mehrfachproblematiken den Kurseinstieg nicht wieder schaffte.

Anzahl Semester zur Lernziel-Erreichung: ursprünglich 4 Semester geplant (je zwei 2 Semester für Grund- & Aufbau-Kurs)

  • 68 % brauchten 1 bis 3 Semester
  • 16 % brauchten 4 Semester
  • 16 % brauchten mehr als 4 Semester

Verbessern die L+S-Kurse die Arbeitssituation (Vergleich Kursbeginn – Kursende)?

  • 27 TN hatten eine unveränderte Arbeitssituation; ob jemand dank den Kursen den Arbeitsplatz nicht verloren hat, lässt sich nicht aussagen
  • 3 von 7 Arbeitslosen haben bis zum Kursende eine Stelle gefunden
  • 2 Lehrlinge konnten (nach Aussage ihrer Lehrmeister) nur dank der L+S Kurse den Lehrabschluss bestehen bzw. von einer Anlehre in eine reguläre Lehre wechseln
  • bei den 8 IV- oder AHV-RentnerInnen blieb die Situation unverändert

Sensibilisierungen wurden in allen Kantonsregionen durchgeführt

  • 18 Informationsveranstaltungen ( ½ – 1 Std.) mit 435 Personen
  • 24 Vermittler-Schulungen (1 ½ – 3 Std.) mit 329 Personen

 

An diesen 42 Anlässen wurden 756 Vermittlerpersonen sensibilisiert, durchschnittlich 18 pro Anlass (minimal 5, maximal 75).

Dazu wurden 14 öffentliche Veranstaltungen mit dem Dokfilm BOGGSEN und lokalen Partnern (Kirchgemeinden, Schulrat, polit. Gemeinden, Regionalverband, Verein) gemeinsam organisiert. Diese fanden ebenfalls in allen Kantonsregionen statt und erreichten 464 interessierte Personen (durchschnittlich 33 pro Anlass). Im Medienspiegel sind 65 Medienartikel oder –sendungen in diesen vier Pilotjahren registriert worden.

Beim Erstkontakt wurde von 53 % eine Vermittlerperson und von 19 % ein Zeitungsartikel als eine der beiden Haupt-Informationsquelle genannt. Die weiteren Quellen sowie weitere Ergebnisse zu Alter, Geschlecht, Kantonsregionen, Muttersprache, usw. siehe Projektbericht L+S Grischun (Link am Schluss).


Wenig Informationen über die Nicht-Erreichten

Die 128 Kursanfragen und die 47 daraus resultierenden KursteilnehmerInnen erlauben – wie gesagt – erst vorsichtige Aussagen. Fast nichts wissen wir über die Nicht-Erreichten: In Graubünden gibt es rund 10‘000 einheimische Betroffene und gegen 12‘000 bis 13‘000 betroffene MigrantInnen. Die Situationsanalyse von 2011 ergab einen riesigen Nachholbedarf für Einheimische: 1’035 Semester-Teilnehmende hatten eine fremde Muttersprache, 39 Semester-Teilnehmende eine der drei Kantonssprachen Þ noch nicht einmal 4 % einheimische KursteilnehmerInnen, obwohl sie fast gleich oft betroffen sind.

 

Doppelte Distanz: Bildungsferne Menschen – ferne Bildung
Drei Beobachtungen verknüpfe ich für diese Aussage. Erste Beobachtung: Wer sich zur Kursanmeldung durchringen kann, schafft auch einen erfolgreichen Kursabschluss. Zweite Beobachtung: 2/3 der KursteilnehmerInnen brauchten weniger als die geplanten 4 Semester. Sie können zu denjenigen gezählt werden, die eher eine grosse Unsicherheit als eine eigentliche Lese- oder Schreibschwäche überwinden mussten. Dritte Beobachtung: Zu Projektbeginn haben sich viele KursteilnehmerInnen selber gemeldet (etwas über die Hälfte der Erstkontakte), nachher waren es mehrheitlich Erstkontakte durch VermittlerInnen. Für beide Teilnehmergruppen vermute ich, waren es vor allem Betroffene, die „relativ leicht/weniger schwer“ zu motivieren waren. Die schwieriger Motivierbaren haben wir noch nicht oder erst vereinzelt erreicht– und das ist die grosse Mehrheit.

Folgerung:
Das Angebot mit Semesterkursen ist für „nicht so schwer“ Motivierbare das richtige, bewährte Angebot. Sie schaffen auch den erfolgreichen Abschluss. Doch die Semesterkurse sind für die Mehrheit der Betroffenen eine zu hohe Hürde, eben eine „ferne Bildung“ – so weit entfernt, dass sie gar nicht im Horizont der Betroffenen erkennbar ist. Um die Bildung in den Horizont der Betroffenen zu bringen, müssen sich nicht nur die Betroffenen bemühen, sondern auch die Bildungsangebote müssen sich bewegen. Die Semesterkurse haben sich bewährt, aber sie müssen mit Lernformen ergänzt werden, die es schaffen, im Horizont der Betroffenen aufzutauchen. Ob „Doppelte Distanz“ nun ein „?“ oder ein „!“ braucht, lasse ich offen – mir ist es wichtiger, einen Weg zu finden. Eine mögliche Antwort ist:

Aufsuchende-Bildungsarbeit
Definition des Volkshochschulverbands Baden-Württemberg (Quelle siehe am Schluss): „Unter aufsuchender Bildungsarbeit werden verschiedene Instrumente und Methoden zusammengefasst, um insbesondere lernungewohnte, bildungsferne Menschen zu erreichen, um sie für Weiterbildungsaktivitäten zu gewinnen. Das bedeutet vor allem, sie dort abzuholen, wo sie sich in sozialer, örtlicher und zeitlicher Hinsicht befinden. Bei Funktionalen Analphabeten – insbesondere mit Deutsch als Muttersprache – kommt erschwerend hinzu, dass sich diese zumeist nicht zu erkennen geben und deshalb auch nicht als homogene Gruppe an bestimmten Orten auffindbar sind, sondern zunächst über geeignete Kontakt- und Vermittlungspersonen im Rahmen entsprechender lokaler Netzwerke aufgespürt werden müssen.“

Bildungsinstitutionen sind gefordert, die sonst bewährte „Komm-Struktur“ in diesem Bereich mit einer „Geh-Struktur“ zu ergänzen. Nur mit dem Erreichen der Lebensweltnähe der Betroffenen erreichen wir ihren Horizont. Eine zentrale Funktion haben dabei Brückenmenschen/VermittlerInnen, die selbst in der Lebenswelt der Betroffenen leben oder einen sehr engen Bezug zu ihr haben: Mitglieder von Botschaftergruppen oder SelbstLernGruppen sind hier die eigentlichen ExpertInnen. Im Migrationsbereich findet eine syrische Ärztin oder ein kurdischer Sozialarbeiter schneller den erfolgreichen Zugang zu ihren Landsleuten.

Aus Deutschland sind mir zwei Akteure bekannt, die wertvolle Erfahrungen publiziert haben:

  • Zentrale Aspekte aufsuchender Bildungsarbeit für die Zielgruppe „Funktionale Analphabeten mit Deutsch als Muttersprache“,
    Volkshochschulverband Baden-Württemberg e. V., Frühjahr 2011
  • Weiterbildung und „Bildungsferne“. Forschungsbefunde, Theoretische Einsichten und Möglichkeiten für die Praxis, Prof. Dr. Helmut Bremer und Dipl. Sozialwiss. Mark Kleemann-Göhring, Juni 2011
    (Abschlussbericht des Projektes „Bildungsferne – Ferne Bildung“)

… und Erfahrungen aus der Schweiz, mit einheimischen Betroffenen?
Aufsuchende-Bildungsarbeit mit Einheimischen ist noch schwieriger, aber dennoch notwendig, um die unerreichte Mehrheit von Betroffenen mehr und besser zu erreichen.

Wir sind als kleine Gruppe am Prüfen, ob ein Anschlussprojekt mit niederschwelligeren Lernformen und Aufsuchender-Bildungsarbeit ausgearbeitet werden soll. Wer zu diesem Bereich Erfahrungen und Hinweise geben kann, soll sich bitte melden. Ich freue mich auf andere Erfahrungen und einen Austausch.

Kontakt:
Urs Chiara, Büro SoliWerk, Almens, T: 081 630 10 42, M: chiara@soliwerk.ch

Weitere Informationen:
Projektbericht L+S Grischun 2010 – 2013 (mit weiteren Auswertungen und Details) und Konzept Grundkompetenzen Grischun 2014 sind als PDF auf den beiden Websites zu finden

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