Wer nicht richtig schreiben kann, ist dumm

Und was die, die richtig schreiben, damit zu tun haben…

fred_2006-07-03An der Tagung einfach:komplex, die vor etwa einem Jahr in Wien stattfand, hörte ich einen Vortrag von Manfred Krenn. Er sprach über seine Studie mit dem Titel „Aus dem Schatten des Bildungsdünkels. Bildungsbenachteiligung, Bewältigungsformen und Kompetenzen von Menschen mit geringen Schriftsprachkompetenzen“.  Zuallererst fallen mir an der Präsentation des Redners die vielen Rechtschreibfehler auf. Es wird für mich sofort offensichtlich, dass er damit auch eine Aussage transportieren will. Was will er damit sagen? Vielleicht, dass Leute, die nicht so gut und nicht richtig schreiben können, entlastet werden, wenn alle nicht so grossen Wert auf „Rechtschreibung“ legen? Das wäre doch eine Entlastung für alle, oder?
von Cäcilia Märki

Zeigen wir nicht mit der korrekten Schreibweise, dass wir gebildet sind, dass wir „es“ können, dass wir zu jenen gehören, die es geschafft haben?

Ich überlege, ob ich den Mut hätte, auf meine Rechtschreibung weniger zu achten und Fehler in meinen Texten zuzulassen. Bei diesem Gedanken beschleicht mich Unbehagen. Wenn mir Fehler „passieren“, dann ist es mir unangenehm, ich denke dann, der Empfänger meiner Nachricht muss denken, dass ich es nicht besser kann. Ich merke, wie sehr ich mich über meine Fähigkeit richtig zu schreiben definiere. Es ist vergleichsweise einfach zu sagen, ich kann nicht so gut rechnen, das ist sozial weit akzeptierter als zu sagen, wisst ihr, meine Rechtschreibung ist miserabel. Das geht gar nicht! Da wird man schief angeschaut und stellt seine Zugehörigkeit zu den „Gebildeten“ in Frage.

Es ist vergleichsweise einfach zu sagen, ich kann nicht so gut rechnen, das ist sozial weit akzeptierter als zu sagen, wisst ihr, meine Rechtschreibung ist miserabel.

Es ist vergleichsweise einfach zu sagen, ich kann nicht so gut rechnen, das ist sozial weit akzeptierter als zu sagen, wisst ihr, meine Rechtschreibung ist miserabel.


Symbolische Gewalt und soziale Scham
Manfred Krenn redet vom sozialen Beschämungspotenzial mangelnder Schriftsprachkompetenz, von symbolischer Gewalt, davon, dass jene, die sich schriftlich nicht korrekt oder nicht gut ausdrücken können, sich dumm fühlen.

Weil wir der richtigen Schreibweise so grosse Bedeutung beimessen und uns damit als WIR, die wir es können, zu erkennen geben, vollziehen wir diese Trennung in KÖNNER und NICHT-KÖNNER. Und die, die es nicht können werten sich selbst ab, weil sie es nicht schaffen. Das ist perfide. Und es zeigt, dass es zu kurz greift, sich über die Leute mit geringen Schriftsprachkompetenzen Gedanken zu machen und so zu tun, als hätte das mit jenen, die „keine Defizite haben“ nichts zu tun. Weil wir so gut sein wollen und damit zeigen, dass wir klug sind, fühlen sich „die, die es nicht können, dumm“?!


Rechtschreibschwäche als ständige Quelle von sozialer Angst

Bei Krenn kling das so: „Symbolische Gewalt ist eine „sanfte“ Form von Gewalt, die nicht im Gewande des Zwangs daherkommt sondern über Symbole wirkt. Ihre Wirkung besteht darin, dass die Benachteiligten sich selbst an den abwertenden Massstäben messen, sich selbst also, wie es Bourdieu formuliert, mit den Augen der Herrschenden betrachten und bewerten. Dieser Aspekt ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil ohne dessen Berücksichtigung ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Wirkung von Schriftsprachmängeln, die in ihrer hohen Beschämungskraft zum Ausdruck kommt sowie ihre Funktion für soziale Marginalisierung und Exklusion nicht verstanden werden kann“ (S27).

Und weiter: „Es ist die hohe Bedeutung der Kodifizierung der legitimen Schriftsprache (also die Rechtschreibung) und deren Verknüpfung mit (mangelnder) Intelligenz, durch die die darin enthaltene symbolische Gewalt eine ständige Präsenz und damit Wirkung im Leben der Betroffenen entfaltet. Sie macht bspw. Rechtschreibschwächen zu einer ständigen Quelle von sozialer Angst bei den davon Betroffenen. Die Wirkung dieser symbolischen Gewalt über Schriftsprache muss daher meines Erachtens breit öffentlich thematisiert und kritisiert werden, denn sie ist einer der entscheidenden Faktoren, der Menschen mit geringen Schriftsprachkompetenzen in ihren Handlungsmöglichkeiten und Teilhabechancen beschneidet“ (S27).

 

Schluss mit dem Defizitblick: Sich auf das konzentrieren, was die Leute können!
In seiner qualitativen Forschung über die Lebens- und Lernbiographien von Personen mit geringen Schriftsprachkompetenzen fördert Manfred Krenn „eine Fülle unterschiedlicher, häufig erstaunlicher und bisweilen höchst erfolgreicher Handlungsstrategien zutage. Diese Lebensverläufe legen auf plastische Weise den Subjekt- und Akteurscharakter von bildungsbenachteiligten Menschen mit geringen Schriftsprachkompetenzen frei“. Das sei sein Beitrag, die Verzerrungen, die durch den vorherrschenden Defizitblick entstehen, sichtbar zu machen und die betroffenen Personen in der öffentlichen Wahrnehmung „aus dem Schatten des Bildungsdünkels treten zu lassen. (27)“
Wer mit Manfred Krenn persönlich über seine Arbeit diskutieren will kann dies am 25. September 2014 in Zürich tun. Workshop
Studienergebnisse und Präsentationen finden Sie hier

 

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