„Ich würde gerne Anti-Illettristin sein“ oder warum es einen Begriff für die Intoleranz gegenüber Menschen mit Lese- und Schreibdefiziten braucht

Es gibt nicht 800‘000 von Illettrismus betroffene Erwachsene in der Schweiz. Diese Aussage ist falsch, stigmatisierend und verhindert das Verständnis für das Phänomen. Denn – wenn ich jetzt ganz ehrlich sein darf – ich fühle mich im Moment stark betroffen, wie jedes Mal, wenn ich mich an eine neue Textsorte wage. Wie jedes Mal, wenn ich weiss, dass mein Text einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Und ich erreiche im Lesen mehr als Niveau 1 der ALL-Studie.
von Mariangela Pretto

blogWird mein Text den Anforderungen in diesem Rahmen genügen? Wie fange ich an? Hoffentlich mache ich keinen Fehler! Hoffentlich liest das noch jemand durch! Waren all diese Frage- und Ausrufezeichen jetzt etwas übertrieben? Hätte ich besser einen schön verschachtelten Satz mit etwas ausgewählteren Begriffen und Formulierungen schreiben sollen und passt das jetzt alles zusammen und lässt sich „ausgewählt“ überhaupt steigern und soll ich jetzt die roten Wellenlinien einfach ignorieren? Sind denn neu kreierte Begriffe im Internet nicht erlaubt?

In den letzten viereinhalb Jahren habe ich für den Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hunderte von Menschen zum Thema Lese- und Schreibkompetenzen sensibilisiert. Ein echtes Verständnis für das Thema und für die Situation der Menschen, die im Alltag dauernd überfordert sind, kommt nur auf, wenn wir von uns ausgehen.

Wir alle haben mal Mühe mit einem Text oder stehen ratlos vor einem Ticket-Automaten

Die meisten von uns kämpfen irgendwann einmal mit der Strukturierung eines Textes. Mit der Rechtschreibung einzelner Wörter. Mit Redewendungen und Wortwahl. Wir schämen uns alle, wenn wir einen Fehler in einer bereits versandten E-Mail entdecken. Wir haben alle schon einmal das Lesen eines Briefes oder das Verfassen eines Berichtes aufgeschoben, vermieden oder delegiert. Und eine Ausrede dafür erfunden.

Wir alle haben Mühe mit bestimmten Textsorten. Bei mir sind es Handy-Verträge. Und letztens musste ich feststellen, dass ich einige der Gedichte, die ich als Jugendliche und junge Erwachsene gesammelt und schön in ein Buch abgeschrieben habe, nicht mehr verstehe. Und letzten Monat habe ich am Ticket-Automaten der Zürcher Verkehrsbetriebe jemanden fragen müssen.

«Niemand möchte Illettristin sein. So wie fast niemand Rassistin oder Sexist sein möchte»

Illettrismus als Stigma
Es geht mir nicht um die „Bagatellisierung“ der Situation von Menschen, die wirklich leiden, sondern um die Entdramatisierung und Entstigmatisierung – die auch durch Mitleid ausgelöst werden kann. Nur, weil ich das Gefühl von Frust vor dem Spiegel kenne, wenn ich ausgehen will und das Gefühl habe, mein Kleid lasse mich noch dicker erscheinen, als ich in Wirklichkeit bin, kann ich einigermassen einen der vielen Gründe nachvollziehen, die eine Essstörung verursachen können.

Nur weil ich im beruflichen Alltag den Leistungsdruck bereits erlebt habe und auch schon „nicht abschalten konnte“, empfinde ich Mitgefühl für jemanden, der an einem Burnout erkrankt. Nur weil ich weiss, wie schwierig es ist, eine langjährige Beziehung zu führen, verstehe ich, warum sich Menschen scheiden lassen und verurteile sie nicht. So zu tun, als ob man selber nie zweifeln würde, als würde etwas nur 1 von X Personen betreffen, fördert die Stigmatisierung: das Denken in Wir-Sie-Kategorien, das Tabu, das Mitleid und die Diskriminierung.

Erwartungsdruck und Intoleranz
In meinen Sensibilisierungen werde ich aufhören, den Begriff für die Bezeichnung der Situation von einzelnen Personen zu verwenden. Illettrismus beschreibt für mich das gesellschaftliche Phänomen. Aspekte davon sind die gestiegenen Anforderungen, der Erwartungsdruck, die Komplexität der Schriftsprachkompetenzen, die Tabuisierung und die Stigmatisierung. Nicht die Gründe für die Defizite, nicht die Folgen für die Einzelnen.

Es muss in Zukunft darum gehen, über den Erwartungsdruck und die Intoleranz nachzudenken und zu sprechen. Zwei Aspekte, die von der sehr einseitig geführten Diskussion, die nur die Bekämpfung der Defizite beinhaltet, zusätzlich gefördert werden.

Aufhören sich für Defizite zu schämen
Würde Illettrismus – oder auch ein neuer Begriff – ein negatives gesellschaftliches Phänomen, die Intoleranz, das Unverständnis bezeichnen und nicht das Defizit eines Einzelnen, dann möchte niemand Illettristin sein. So wie fast niemand Rassistin oder Sexist sein möchte. Oder homophob oder Schlankheitsfanatiker. Weil wir nicht Menschen sein möchten, die andere aufgrund eines einzelnen Persönlichkeitsmerkmals verurteilen. Die meisten von uns würden dann zu Anti-Illettristen werden. Und echte Betroffene könnten damit aufhören, sich für ihre Defizite zu schämen. Denn nicht diese wären „schlimm“ und müssten bekämpft werden, sondern die Vorurteile und die Diskriminierung. Es wäre zumindest einen Versuch wert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s