CIFEA: Vorbildliche Förderung der Grundkompetenzen in Lausanne

Logo Ville de LausanneDer nachstehende Artikel liefert einen Überblick über die Communauté d’intérêts pour la formation élémentaire des adultes. Die CIFEAist ein Zusammenschluss von fünf privaten Vereinigungen, die dank der Stadt Lausanne und weiteren öffentlichen Mitteln kostenlose Kurse für die Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen anbietet. Dabei handelt es sich vor allem um Kurse in Französisch, Lesen und Schreiben, Alphabetisierung, IKT und Rechnen sowie Allgemeinbildung, Citoyenneté und Haushaltsführung.
von Daniele Beltrametti

 

Hintergrund
Die Neunzigerjahre waren geprägt von zunehmender Arbeitslosigkeit und von sozialen Phänomenen, die bis anhin nur wenig sichtbar waren. Dazu gehörten der Illettrismus und tiefe Qualifikationsniveaus, die sichtbar wurden als es darum ging, Arbeitslosen eine neue Stelle zu beschaffen. In diesem Kontext beschlossen die städtischen Behörden von Lausanne, die CIFEA ins Leben zu rufen, um gegen die Ausgrenzung vorzugehen und um den Einwohnern der Stadt Lausanne eine Plattform „zum Auffrischen ihrer Kenntnisse unter günstigen Bedingungen“ zu bieten[1].

1995 offiziell gegründet, bot die CIFEA die ersten Kurse im Rahmen einer Integrationspolitik an, deren erwartete Auswirkungen „weit über den Rahmen der beruflichen Integration hinausgehen“[2]. Dabei ging es darum, Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen Bildungsmassnahmen anzubieten, mit denen „Illettrismus, mangelnde Kenntnisse der französischen Sprache und ein sehr tiefes Qualifikationsniveau“ bekämpft werden konnten. Auch „Nichtanpassung und Abhängigkeit“, die „eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt bilden“[3], sollen angegangen werden.

Funktionsweise
Das Gesamtbudget der CIFEA ist von 730‘000 Franken in der Pilotphase 1995 (Stadt Lausanne als einziger Investor) auf den heutigen Betrag von 3‘600‘000 Franken (davon ca. 10 % kantonale Mittel) gestiegen.

Die Kurse sind für Lausanner Erwachsene, die in sozial und/oder wirtschaftlich schlechten Verhältnissen leben, gratis, abgesehen von einer Anmeldegebühr von zehn Franken. Die Zulassung zum Lernangebot der CIFEA erfolgt nach dem Subsidiaritätsprinzip, das heisst, nur wenn die Person aus eigenen Mitteln oder über die Beiträge von Sozialversicherungen (ALV, IV, Sozialhilfe usw.) keinen anderen Zugang zu äquivalenten Massnahmen hat.

Die CIFEA setzt sich seit ihrer Gründung aus fünf Vereinigungen zusammen:

  • Lire et Ecrire – Sektion Lausanne und Regionen
  • Centre Femmes de l’Association Appartenances
  • Centre d’Etudes et de Formation Intégrée du Léman (CEFIL) der Stiftung Le Relais
  • Français en Jeu – Sektion Lausanne
  • Corref

Der Sozialdienst der Stadt Lausanne handelt jedes Jahr über den Verantwortlichen der „Unité Compétences de Base“ mit den fünf Partnern Verträge aus. Diese definieren die Angebote, die für die Lausanner Bevölkerung verfügbar sein sollen, insbesondere Kurse und Workshops. 2014 bietet die CIFEA insgesamt 50 verschiedene Bildungsmassnahmen an (die vollständige Liste kann hier heruntergeladen werden). Die Kosten werden mit jedem Partner unter Berücksichtigung vergleichbarer Angebote auf dem Westschweizer Markt ausgehandelt. Der Sozialdienst überwacht die Angebote (vor allem mittels Prüfung der halbjährlichen Monitorings, d.h. der Indikatoren wie Teilnahme-, Aussteiger-, Erfolgsquote usw.). Er unterstützt zudem die Koordination zwischen den Bildungsanbietern, um die Angebote aufeinander abzustimmen und die Kohärenz des Projektes sicherzustellen (Gesamtsicht, Umsetzung eines komplementären Bildungsangebots, das interinstitutionelle Lernwege ermöglicht, usw.). Die Weiterentwicklung der Bildungsmassnahmen, wie zum Beispiel die Einführung neuer Kurse oder die Anpassung des bestehenden Angebots, wird zwischen den Partnern (Bildungsanbieter und Sozialdienst) basierend auf der Evaluation der durchgeführten Massnahmen und in Abhängigkeit neuer Bedürfnisse besprochen und ausgehandelt.

 

Ein paar Zahlen

2014:

  • Finanzierungsvolumen der CIFEA: 3’560’000 Franken, davon 3’175’000 Franken (89 %): Stadt Lausanne, 315’000 Franken (9 %): Kantonale Fachstelle für Integration, 70’000 Franken (2 %): andere Beiträge
  • Total Kursplätze (ohne Workshops): 1’733 Plätze
  • Total Teilnehmerstunden: 140’485 Stunden

Die beiden folgenden Grafiken zeigen die Verteilung der Teilnehmerstunde aller Angebote der CIFEA (Jahr 2014) bezüglich verschiedener Kompetenzbereiche und Kursformen:

Grafik 2 Beltrametti Grafik 1 Beltrametti

 

Angebote und Kursteilnehmende
Bei den von der CIFEA angebotenen Kursen handelt es sich nicht um Intensivkurse. Die Kurse dauern zwischen 2 und 8 Stunden pro Woche (1 bis 3 Kurse pro Woche) und setzen sich aus Gruppen von 6 bis 12 Teilnehmenden zusammen. Die relativ kleine Gruppengrösse erlaubt eine bessere Betreuung und Begleitung jeder Person, das heisst es kann besser auf individuelle Bedürfnisse eingegangen werden, was sich wiederum positiv auf die Förderung der Kompetenzen auswirkt. Die Dauer der Kurse ist sehr unterschiedlich, wie zum Beispiel:

  • Kurs mit einer begrenzten Anzahl Treffen (z.B. der Kurs „Budget besser verwalten“ von Corref: 5 Treffen à 3 Stunden)
  • Quartals- (z.B. viele IKT-Kurse des CEFIL) oder Halbjahreskurse (z.B. „Halbintensivkurs für Frauen mit sehr wenig Schulbildung“ des Centre Femmes)
  • Jahreskurs mit laufendem Ein- und Ausstieg (alle Kurse des Vereins Lire et Ecrire)
  • Workshops mit drei Zeitfenstern pro Woche, mit monatlicher Anmeldung nach Wahl (z.B. der Workshop „Französisch mündlich“ des Vereins Français en Jeu)

Ein Teil der Französischkurse wird von Freiwilligen durchgeführt (20 % des Angebots). Die übrigen Kurse und Workshops werden von bezahlten Mitarbeitenden geleitet. Alle Ausbildenden verfügen über sehr gute Kenntnisse der Zielgruppe der MigrantInnen und Geringqualifizierten und arbeiten mit entsprechenden methodisch-didaktischen Ansätzen.

Ziel der Kurse ist der Erwerb von Kompetenzen, die im Alltag nützlich sind. Bestimmte Kurse bereiten aber auch gezielt auf ein Zertifikat (DELF) oder eine Ausbildung vor (z.B. Pflegehelfer-/in Rotes Kreuz).

Einige Zahlen zu den Teilnehmenden der Angebote der CIFEA in der Periode 2009-2010[4]:

  • mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahren
  • 79% Frauen
  • 16% Schweizer / 84% Ausländer (44% B-Bewilligung und 23% C-Bewilligung)
  • 44% Erwerbstätige (einschliesslich mit unsicherem Arbeitsplatz)
  • 43% der Teilnehmenden kamen über Mund-zu-Mund-Werbung zur CIFEA
  • ca. 1 von 10 Personen hat Kurse bei mindestens 2 Anbietern der CIFEA besucht


Weiterentwicklung

Zusätzlich zur erwähnten Analyse und ständigen Weiterentwicklung der Bildungsmassnahmen wurden bestimmte Aspekte des Angebots der CIFEA in folgenden Schritten weiter ausgebaut:

  • 2008-2009: Einführung von Leistungsvereinbarungen, Definition der ersten Kriterien und Indikatoren für die Evaluation der Angebote
  • 2010-2011: Durchführung einer externen Studie über die Teilnehmenden und das Bildungsangebot
  • 2012: Überarbeitung und Erstellung gemeinsamer Referenzdokumente (Bezugsrahmen, Vision und Ziele des Bildungsangebotes, Definition der individuellen Betreuung usw.)
  • 2013-2014: Umsetzung einer harmonisierten individuellen Betreuung (vor, während und nach der Ausbildung), um den Transfer der Kompetenzen zu verstärken; Evaluation von Nutzen und Wirkung

 

logo CIFEASchlussfolgerungen
Die CIFEA ist aufgrund ihrer Grösse und Langlebigkeit wahrscheinlich ein einzigartiges Beispiel in der Schweiz für starke und koordinierte Massnahmen der öffentlichen Hand zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen. Die Bildungsmassnahmen basieren auf zwei Grundlagen: Territorialität (die Stadt Lausanne) und Partnerschaft zwischen öffentlichen Behörden (Finanzgeber) und privaten Organisationen (Bildungsanbieter). Sie verfolgen eine politische Vision zugunsten einer „Integration“ im weitesten Sinn, was der Stadt Lausanne ermöglichte hat, wichtige Prioritäten vorwegzunehmen, die im neuen Weiterbildungsgesetz (WeBiG) wahrscheinlich aufgenommen werden.

Dank der ständigen Weiterentwicklung in den über 15 Jahren ihres Bestehens bildet die CIFEA heute ein koordiniertes Netz von fünf spezialisierten Kompetenzzentren in der Ausbildung von Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen und niedrigem Bildungsstand. Die grosse Bandbreite von Kursen und die sehr entgegenkommenden Bedingungen (Gratiskurse, angemessene Kurszeiten, Kinderhütedienst, angepasste didaktische Methoden, Einzelbetreuung usw.) fördern den Zugang zur Bildung bzw. zu Grundkompetenzen für viele geringqualifizierte Lausannerinnen und Lausanner nachhaltig. Dies beweisen auch die relativ niedrige Aussteigerquote (vor allem unter Berücksichtigung der prekären Situation der Personen und der Tatsache, dass die Kurse gratis sind), die hohen Teilnehmerzahlen der Kurse und die Erfolgsquote der Teilnehmenden.

Die CIFEA ist ein äusserst effizientes Mittel, um die Bemühungen der Männer und Frauen zu belohnen und anzuerkennen, die die Initiative ergreifen und viel Zeit investieren, um Ausgrenzung zu vermeiden und ihre soziale und berufliche Integration zu verbessern. Ein wahrhaftiges „Empowerment“ der Menschen im Dienste der Integration und der politischen Teilnahme an der Gesellschaft.

 

[1]Stellungnahme der Stadt 1994/69

[2] Ibid.

[3] Ibid.

[4]Quelle: Umfrage über die Teilnehmenden und Angebote der CIFEA, Phronesis Consulting, Dezember 2011

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