Lernen macht gesund: Geringqualifizierte über das Gesundheitswesen erreichen

Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen wagen den Schritt in einen Kurs nur selten. Oft haben sie ihr Leben auch ohne Kursbesuch gut bewältigt und sprechen aus Scham nicht über ihr Bedürfnis etwas zu verändern und zu lernen. Eine Vertrauensperson, wie eine Ärztin, kann sie unterstützen, den Schritt in eine Bildungsmassnahme zu wagen.
von Martina Fleischli

sprechstunde80% der Schweizer Bevölkerung sucht mindestens einmal pro Jahr einen Arzt auf[1]. Ärzte und Ärztinnen können als Vertrauensperson eine wichtige Schnittstelle darstellen, um Erwachsene mit Lese- und Schreibschwächen zu erreichen.
Im Projekt Neue Zugänge haben wir demzufolge analysiert, ob und wie der bestehende Beratungsprozess im medizinischen Bereich für die Teilnehmer/-innengwinnung genutzt werden kann.


Schwieriges Erkennen von Lese- und Schreibkompetenzen

Wenigen Ärzten und Ärztinnen ist das gesellschaftliche Phänomen des Illettrismus bekannt. Zudem können viele die Betroffenen aufgrund der Vermeidungsstrategien und des vorwiegend mündlichen Arzt-Patienten-Kontaktes nur sehr schwer erkennen.

Weiterbildungsanbieter können bei einem Erstkontakt versuchen, das medizinische Personal auf die Problematik zu sensibilisieren. In einem weiteren Schritt können sie Ärzte und Ärztinnen dabei unterstützen, die Lese- und Schreibkompetenzen der Patienten innerhalb der Anamnese explizit anzusprechen und ihnen zeigen, wie sie darauf reagieren können. Unterstützung dazu bietet der Leitfaden zur Sensibilisierung des Vereins Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz unter Register 7.
Ergänzend ist es wichtig, dass Ärzte und Ärztinnen ihren sprachlichen Umgang an die Patienten anpassen.


„Illettristen sind dumm“

Auch unter den Ärzten und Ärztinnen ist das Defizitparadigma weit verbreitet. Sie deuten Schriftsprachmängel als Indikator für und Folge von geringer Intelligenz. Zudem sind für sie „Illettristen“ vor allem Personen mit Migrationshintergrund, bildungsfern, und schlechtverdienend.
Dieses weit verbreitete Stigma kann aus dem Weg geräumt werden, indem sensibilisiert wird. Auch hier kann der Leitfaden zur Sensibilisierung weiterhelfen.


„Was meine Patienten lernen, geht mich nichts an“
Auch wenn Ärzten und Ärztinnen die Folgen des Illettrismus bewusst sind, sehen viele deren Bekämpfung nicht in ihrem Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich. Oft haben sie Angst, Patienten zu verärgern oder gar zu verlieren, wenn sie diese auf eine beschämende Schwäche ansprechen.

Hier braucht es ein Umdenken. Wenn die Ärzte und Ärztinnen sich bewusst werden, wie bedeutend ihre Rolle in der Gesundheitsförderung der Patienten ist, können sie aktiv werden. Zudem ist die Erkenntnis wichtig, dass Lernen, teilweise mehr als Medikamente, gesund machen kann.


Fazit: Lernberater als Anlaufstelle
Das Projekt Neue Zugänge hat gezeigt, dass Ärzte und Ärztinnen das Phänomen Illettrismus oft nicht kennen, Betroffene nicht erkennen und sich auch wenig zuständig fühlen. Sie brauchen daher eine aktive Unterstützung.

„Lernberater“ könnten ihnen diese Unterstützung bieten. Sie sind die Anlaufstelle für medizinisches Personal. Ärzte und Ärztinnen können so Erwachsene mit Lernbedarf an die Lernberater weiterleiten, die ihnen helfen, eine passende Bildungsmassnahme zu finden.
Die Erreichbarkeit dieser Berater sollte gut erkennbar, z.B. mit einem ansprechenden Flyer, und möglichst einfach sein, wie die Telefonnummer  0840 47 47 47.

[1] Bundesamt für Statistik BFS. (2012). Gesundheitsstatistik 2012. Neuchâtel.

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