Lesen, schreiben und rechnen – für jede zehnte Person ein Problem

In der Schweiz leben 800‘000 Erwachsene mit ungenügenden Grundkompetenzen

Die Klischees halten sich hartnäckig: Wer schlecht lesen und schreiben kann, hat einen Migrationshintergrund, sich durch die obligatorische Schulzeit gemogelt und kommt aus sozial unstabilen Verhältnissen. Das stimmt nicht. Funktionaler Analphabetismus ist ein Phänomen das viel weiter reicht.
von Esther Derendinger

Lesen und Schreiben gehören wie Kenntnisse der Landessprache, der Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologie und Alltagsmathematik zu den Grundkompetenzen. Sie bilden die Basis, damit Erwachsene am beruflichen und sozialen Leben teilhaben können. Gemäss der ALL-Studie (Adult Literacy and Lifeskills Survey) von 2005 sind in der Schweiz 800‘000 Personen funktionale Analphabeten. Das heisst, sie haben zwar die obligatorische Schule abgeschlossen, haben aber Mühe einfache Texte zu lesen und zu verstehen. Illettrismus kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Auch Personen in guter beruflicher Stellung sind davon nicht ausgenommen.

Lesen ist nicht selbstverständlich
Lesen ist nicht selbstverständlich

Illettristen haben nicht nur ein Problem: Ihre Lese- und Schreibschwäche führt oft dazu, dass sie auch weitere Grundkompetenzen nicht genügend beherrschen, um ihr Leben selbständig zu meistern. Sie haben Schwierigkeiten,  Einzahlungen zu erledigen, Krankenkassen-Belege zu ordnen, Geld am Automaten zu beziehen oder den Beipackzettel von Medikamenten zu lesen. Diese Abhängigkeit von anderen Menschen führt oft zu einem negativen Selbstbild, sie isolieren sich und grenzen sich damit aus.

40 Prozent der Illettristen haben keine Berufsausbildung absolviert. Diese Gruppe Menschen sind viel häufiger gefährdet den Arbeitsplatz zu verlieren oder haben es schwerer, eine neue Anstellung zu finden. Rund 36 Prozent der Arbeitslosen haben eine Leseschwäche. Das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS)  geht in einer Studie von 2007 davon aus, dass dieser Umstand die Arbeitslosenversicherung jährlich rund 1.1 Milliarden Franken kostet.


«Mitwisser» schweigen
Die andere Personengruppe mit ungenügenden Grundkompetenzen steht solide im Berufsleben. Manch einer hat vielleicht sogar eine Kaderposition inne. Sie meistert ihr Leben erfolgreich. Was ihnen beruflich oder privat Schwierigkeiten bereiten könnte umgehen sie. Das führt allerdings zu Unsicherheiten und Stress. Zudem birgt es das Risiko, dass Betroffene bei unvorhergesehenen Veränderungen aus Angst und Scham lieber den Job kündigen, als sich dem Problem zu stellen. Über ihre Lese- und Schreibschwäche wissen nur die Wenigsten Bescheid. Eine nicht-repräsentative Studie der Universität Hamburg zeigt, dass «Mitwisser» die Betroffenen weder auf ihre fehlenden Grundkompetenzen ansprechen, noch sie zur Weiterbildung ermutigen. Hier stellt sich die Frage, wie «Mitwisser» befähigt werden können, das Thema entweder selbst anzusprechen oder sich an Dritte zu wenden, die das übernehmen können.


„Intelligent ist, wer korrekt schreiben kann“
Die Ursachen für fehlende Grundkompetenzen sind so vielfältig wie die Betroffenen selbst. Manchmal sind es häufiger Schulwechsel, familiäre Probleme, für die jeweilige Person falsche Unterrichtsmethoden oder sie haben das Lesen und Schreiben einfach verlernt. Betroffene trauen sich oft nicht, an Bildungsangeboten teilzunehmen. Das ist leicht nachvollziehbar, denn in unserer Gesellschaft wird korrektes Schreiben sehr hoch bewertet. Es gilt als sichtbarer Beweis für Intelligenz und Bildung. Betroffene schämen sich, weil sie es nicht schaffen. IllettristInnen haben jedoch oft grosse kompensatorische Fähigkeiten: Sie sind kreativ, finden neue, einfachere Wege  eine Aufgabe anzugehen und entwickeln alltagstaugliche Bewältigungsstrategien. So können sie sich zum Beispiel Termine problemlos merken oder greifen zum Telefon statt eine E-Mail zu schreiben.


Nur wenige besuchen einen Kurs

Nach Zahlen des Verbands Lesen und Schreiben absolvieren jährlich nur knapp 3000 Personen Lese- und Schreib- oder Rechen-Kurse. Betroffene zu erreichen und für einen Kursbesuch zu motivieren, ist eine der grössten Herausforderungen. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Angebote auf die tiefsten Niveaus ausgerichtet sind. Das gegenwärtige Angebot an Lese- und Schreibkursen scheint jedoch Personen mit einem mittleren Niveau nicht abzuholen. Da rund 65 Prozent der Personen mit geringen Grundkompetenzen im Arbeitsleben stehen, besteht eine grosse Chance darin, diese über die Betriebe zu erreichen und für diese Menschen arbeitsplatzbezogene Weiterbildungen zu entwickeln.


Lernen am Arbeitsplatz
Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) engagiert sich seit Jahren für die Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen. In verschiedenen Projekten entwickeln und testen Experten beispielsweise Kursleiter-Ausbildungen und konzipieren Bildungsmassnahmen. Einen Schwerpunkt legt der SVEB auf die Förderung von Grundkompetenzen direkt in den Betrieben, wie dies im Projekt „GO2 – Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen“ geschieht. Fachleute eruieren zusammen mit den Verantwortlichen im Betrieb, welche Mitarbeitenden gefördert werden sollten und welche Fähigkeiten auf den aktuellen Arbeitsplatz bezogen weiter entwickelt werden können. Solche sehr praxisorientierte Massnahmen nutzen den Mitarbeitenden und den Arbeitgebern unmittelbar.


Die Politik ist gefordert

Im Hinblick auf das Weiterbildungsgesetz, welches zurzeit ausgearbeitet wird, haben Grundkompetenzen auch auf politischer Ebene an Relevanz gewonnen. Der Bund bekämpft zwar den Illettrismus und setzt dafür jährlich rund eine Million Franken ein. Damit aber der Grossteil der Betroffenen erreicht wird, wäre eine gross angelegte nationale Kampagne nötig. Es müssen auch gut Qualifizierte und «Mitwisser» für das Thema sensibilisiert werden. Der Gesellschaft insgesamt muss bewusst werden, dass Personen, die schlecht schreiben, deswegen noch lange nicht dumm sind. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, damit unsere Gesellschaft offen über Illettrismus redet und Betroffene nicht mehr stigmatisiert.

Kurz erklärt:
Illettristen sind Erwachsene, welche die lokale Amtssprache sprechen und die obligatorische Schulzeit absolviert haben, aber nur ungenügend lesen, schreiben und rechnen können. Illettrismus wird synonym zum Begriff «funktionaler Analphabetismus» verwendet und ist nicht gleichbedeutend mit «Analphabetismus» welcher Personen betrifft, die nie Schulbildung erhalten haben.  www.alice.ch/illettrismus

Grundkompetenzen sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, die nötig sind, um aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzuhaben:

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